Patientenverfügung

Patientenverfügung

13. August 2018 3 Von susanne

Man könnte jetzt meinen, Sie ist doch Ärztin, sie muss es doch wissen….

Weit gefehlt! Auch für mich ist das ein schwieriges Thema und ich habe es lange vor mir weg geschoben. Nun, da ja irgendwann in nächster Zukunft eine größere Operation ansteht, sollte ich es wohl angehen. Häufig muss ich beim Lesen oder Schreiben solcher Sätze schmunzeln. Da ist so viel „Unvollständigkeit“ drin. 🙂

Erstens: Vielleicht brauche ich ja keine Operation? Wann ist die „nächste Zukunft“?
Zweitens: Warum warten wir immer erst auf solch eine Ereignis, um uns mit dem Sterben und Tod auseinanderzusetzen?
Drittens: SOLL ich es wirklich angehen? Es ist doch meine Entscheidung….

Ja, auch mir fällt es schwer. Nicht, weil ich Angst vor dem Sterben hätte. Sondern, weil ich auch in diesem Prozess, der so individuell wie das LEBEN selbst ist, nicht alle Eventualitäten absehen kann. Die Patientenverfügung kommt mir so vor wie eine „Leitlinie“ fürs Sterben. Klar, wir haben noch ein paar Wahlmöglichkeiten (Reanimation ja oder nein, Dialyse ja oder nein, Beatmung ja oder nein…. usw.) Aber wissen wir wirklich, was wir dort entscheiden?

Das Wichtigste, was wir selbst entscheiden können, ist das, WIE wir sterben wollen. Und das regelt keine Patientenverfügung, sondern unsere innere Einstellung zu Leben und Tod. Meine Erfahrung auch im Umgang mit sterbenden Menschen hat mit immer wieder gezeigt: So, wie wir leben, so sterben wir auch!

Ist unser Leben schon geprägt von Angst und Unsicherheit, dann begleiten uns diese Aspekte vermutlich auch in diesem Prozess des Loslassens.  Und das macht das Loslassen nicht einfacher…. ganz im Gegenteil.

Leben wir schon jetzt unser LEBEN mit Freude, Dankbarkeit, Gelassenheit und innerem Frieden, dann wird uns diese Ausrichtung auch beim Übergang begleiten und helfen. Und dazu gehört dann wirklich, unsere Wertvorstellungen vom LEBEN zu formulieren. Das finde ich noch am Wichtigsten in der Patientenverfügung. Und unsere nächsten Angehörigen, Bevollmächtigten sollten diese Werte doch auch kennen, wenn sie uns kennen und mit uns gelebt haben….

Die Qualität des LEBENS ist mir wichtiger als die Quantität. Vieles in der Medizin wird gemessen an der „ÜBERlebenszeit“, d.h. wie lange wir etwas ÜBERleben. Aber geht es nicht eher um LEBENSzeit? Und wenn Leben immer nur im Hier und Jetzt stattfindet, dann hat LEBEN nie eine Zeit, sondern nur einen Moment oder die Ewigkeit. Das ist jetzt schwer zu verstehen, glaub ich… 🙂
Vielleicht so: Wenn ich JETZT nicht lebe, dann lebe ich auch nicht morgen oder in drei Jahren.

Oder so mit den Worten von Rainer Maria Rilke

Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Besser kann man es nicht ausdrücken, oder?

Also, lasst uns leben, jeden einzelnen Augenblick.
Angesichts eines Unfalls, der sich am Wochenende in Rostock zugetragen hat und bei dem eine Frau durch eine angetrunkene Fahrerin gleichzeitig eines ihrer Kinder (das andere lebensbedrohlich verletzt)  und Mutter verloren hat, kann ich wirklich nur sagen, dass das Leben es (auch mit dieser Diagnose) gut mit mir meint.

LEBEN ist die beste Vorsorge und dann schreiben wir trotzdem unsere Patientenverfügung und lassen sie von dem heilenden Geist, der uns auch durch das Leben führt, begleiten.