Loslassen 2.0

Loslassen 2.0

17. März 2019 6 Von susanne

“Wenn Du etwas loslässt, bist Du etwas glücklicher,
und wenn Du viel loslässt, bist Du viel glücklicher.
Wenn Du ganz loslässt, bist Du frei.”
(Ajahn Chah)

Noch bin ich anscheinend nicht „fertig“ mit dem Loslassen, noch nicht ganz FREI.

Nachdem ich letztes Jahr durch die Krebsdiagnose meine Arbeit in der Praxis, seit Jahresbeginn meine körperliche Unversehrtheit durch die Operationen und meine Mutter an die Weiten des Meeres losgelassen habe, ist nun wohl auch noch meine Praxis als Ganzes dran. Nach 25 Jahren werde ich sie Ende März wohl einfach loslassen und zuschließen, weil sich keine Interessent sich gefunden hat, sie zu übernehmen.

Loslassen der Praxis

Ich habe sehr gerne als Ärztin gearbeitet, ich habe meine Arbeit und meine Patienten geliebt. Es war jeden Tag ein Geschenk, mit Menschen arbeiten zu dürfen, sie zu begleiten und zu behandeln. Ein großer Vertrauensbeweis und eine große Freude. Dafür bin ich sehr dankbar.

Sicher gab es Momente, wo man auch mal was anderes machen wollte, und wenn ich unten am Morgen die Praxistür aufgemacht habe, dann war ich DA, ganz DA. Der Abschied von meinen Patienten fällt mir schwer, weil ich mich nicht verabschieden kann. Ich bin einfach weg. Ich würde so gerne so viele noch in den Arm nehmen und auch mich umarmen lassen. Es war immer ein Geben und Nehmen. Ich möchte so gerne einen würdigen Abschluss dafür finden und während ich das schreibe, überlege ich, ob ich nicht doch noch zu einem Tag der (noch) offenen Tür Ende März einlade. Die Einladung findet Ihr hier.

So hat mich meine eigene Prophezeiung eingeholt, die da lautete: „Auch die Umstellung auf die Privatpraxis ist noch nicht das Ende meiner Idee, mit Menschen zu arbeiten“. Bevor sich diese neue Tür öffnet, werde ich wohl alle anderen vollständig abschließen müssen. Im wahrsten Sinne des Wortes…

Notaufnahme

In den Tagen der Sterbebegleitung für meine Mutter und noch bis zur Seebestattung machten sich heftigste Bauchschmerzen bei mir breit, so dass ich  zwei Mal in der Notaufnahme gelandet bin. Natürlich war bei den Untersuchungen nichts zu finden, aber es war mir eigentlich selbst klar, dass das eher psychoemotionale Gründe hat. Noch während des Tages der Trauerfeier und Bestattung fiel etwas von mir ab, entspannte sich und kräftigte mich zugleich. Der Bauchschmerz kehrte von diesem Moment nicht mehr zurück.

So kam ich zurück in meine Kraft, freute mich über den Elan, die Motivation und die Rückkehr in die fast „Normalität“. Ich fing an, Pläne zu machen und setzte mich an den Laptop und Kalender und plante: Hier vielleicht einen Vortrag, dort ein Seminar, nichts Großes, nur das machen, was mir ja auch Freude macht, wollte Absprachen mit Kollegen tätigen…und…

LoslassenWurde keine 2 Tage später vom Leben wieder komplett ausgebremst: Ich habe gerade das Gefühl, mir bricht alles weg und es bleibt NICHTS. GAR NICHTS.
Ich tauche ein in das Zeitlose, Raumlose, Bedingungslose…..

Und so bin ich auf der Suche nach NICHTS.
NICHTS ist die Abwesenheit von ETWAS. 🙂
Was ist das ETWAS?

Das ETWAS sind meine Gedanken:

Ja, ein Teil in mir kämpft ums Überleben, vor allem dann, wenn er sich mit all den Therapieoptionen beschäftigt. Das ist wirklich ein ganz ambivalentes Betrachten meiner Situation. Ich habe keine Angst, wenn ich mir einfach nur meine jetzige Situation und mein LEBEN anschaue. Trete ich ein in die medizinische Welt der Krankheit, dann kommen auch die Gedanken, weil als Ärzte wissen wir einfach auch zu viel… 🙂

“Meine Angriffsgedanken greifen meine Unverletzlichkeit an.” (Kurs in Wundern, Lektion 26)

Ich bemerke, dass einzig dieser Punkt mir noch zu schaffen macht: Diese Diskrepanz zwischen der inneren und äußeren Welt der Krankheit, aber auf diesen Teil der Reise bin ich sehr neugierig. Die obenstehende Lektion erinnert mich, dass mich nichts verletzten kann, es sei denn, ich bin nicht damit einverstanden und „greife es an“.

„Ein Meister bevorzugt immer das, was sich ereignet.“ (Neale Donald Walsch)

All diese Aspekte sind nur allzu menschlich. Wer hat nicht selbst schon diese Sätze, Überlegungen. Ängste in sich gefunden? Sie sind nicht „schlecht“ oder „falsch“. Auch sie sind Ausdruck von Lebensenergie. Und es gelingt mir jedes Mal, diese Anteile in mir zu vergeben, aufzulösen im Ganzen. Denn es wäre unvollständig, wenn ich die Anteile von Freude, Freiheit, Bedingungslosigkeit, Liebe, Respekt nicht auch einbeziehen würde.

Loslassen ist das Öffnen für mehr.

Es ist kein Verlust, sondern das Aufgehen im Ganzen.
Wir sind weit mehr, als unser kleiner Verstand uns vormachen will.

Ich bin das ALLES. Damit löst sich Besonderheit und Trennung auf. Dann bin ich frei.

Gestern habe ich mich mit einer befreundeten Kollegin getroffen. Sie hat im letzten Jahr die Diagnose eines Lungenkarzinoms bekommen. Vielleicht mögt Ihr sie auch mal in ihrem Blog besuchen.

Unser Schlusssatz gestern war: „Wir haben keine Angst vor dem Tode, haben jedoch noch keine Lust dazu…“ 🙂
Lächeln und Humor helfen…..

Morgen startet der neue Zyklus Chemotherapie: 5-FU plus Oxaliplatin alle 14 Tage.
“Ein Meister…..” s.o. 🙂